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[11. Februar 2020] 30 Jahre Freiheit

Doctor Retro – der singende Historiker Neues Musikprojekt zu „30 Jahre Freiheit“

Berlin. „Für junge Leute ist Vergangenheit eben Vergangenheit!“ Dieser erschreckende Satz fiel in dieser Woche. Aus dem Munde eines 17jährigen, obwohl dieser eigentlich ein eher sehr gut gebildeter Repräsentant des „interessierten Deutschlands“ ist. Top erzogen, kein Egoist, kurz vor dem Abitur. Oha!

Nicht nur 75 Jahre nach Kriegsende, sondern auch 30 Jahre nach dem Weg in die Freiheit für so viele - oha. Und wie sagte es Udo Lindenberg in seiner manchmal schnoddrigen, aber immer auch so emphatischen Art: „Überrasch´ mich!“ Deutschlands vielleicht wichtigster Musiker unserer Zeit ist eines der großen „Gelebten Vorbilder“ von Stephan Kaußen. Und der nahm den „persönlichen Auftrag“ tatsächlich ernst. „Ich bin nach Jahren des Bücherschreibens auf die Idee gekommen, historische Zusammenhänge einmal in anderen Darstellungsformen zu präsentieren. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Es gibt so viele aktuelle Jubiläen, da musste ich aktiv werden.“ Dr. Stephan Kaußen ist „Doctor Retro“, von Hause aus promovierter Politikwissenschaftler und Historiker. Autor einiger gesellschaftsanalytischer Bücher und Spezialist für Nelson Mandela. Deutschlandweit vor allem aber als Journalist bekannt, ob nun als Experte für globale Themen bei phoenix, in der ARD und bei ntv, oder einem wohl noch größeren Publikum auch als Radio- und TV-Reporter in der Fußball-Bundesliga und Champions League.

Nun hat der seit November 50jährige nicht nur sich selbst überrascht: Neben einem gut 50minütigen Vortrag zu „30 Jahre Mauerfall“ finden sich auf dieser CD vier Songs, eingesungen und zum Teil eher eingesprochen von Kaußen selbst. Mal im Stile von Nina Hagen, mal angelehnt an den tiefen Sprechgesang von Leonard Cohen. „Das ist natürlich schon schräg, plötzlich auch zu singen“, sagt der Kulturschaffende auf verschiedensten Bühnen über sein eigenes Projekt. „Und anfangs hatte ich auch gar nicht vor, selbst ganz vorne zu stehen. Eher nur zu texten. Vielleicht für Lindenberg oder Campino. Aber wir müssen das Ding jetzt rausbringen. Und wenn man nichts riskiert, kann man auch nicht viel erreichen. Oder sich selbst und andere weiterentwickeln.“ Permanente Horizonterweiterung ist sein Ding – und das seit, eben, genau 30 Jahren. „Der wichtigste Tag in meinem Leben war der 9. November 1989“ beginnt Kaußen seinen Vortrag. Damals noch nicht einmal Student, sondern bei der Bundeswehr. „Wir wussten ja in dieser welthistorischen Nacht nicht, ob es am nächsten Tag Krieg geben würde?!“ Was für junge Menschen heute kaum mehr vorstellbar scheint, war damals konkrete Realität: „Hätte Gorbatschow die chinesische Lösung gegen die Proteste und den Ruf nach Freiheit gewählt, hätte es geknallt. Nicht nur in Berlin.“ Zum Glück tat der Geburtshelfer der Deutschen Einheit das Gegenteil. Und Stephan Kaußen übersetzt diesen Kristallisationspunkt der Geschichte nun in Musik: „Statt der Tian´anmen-Alternative, gab´s ´ne Kooperations-Direktive. Aus Perestroika und Glasnost, wuchs ´ne Brücke zwischen West und Ost. Danke Gorbi! Danke Gorbi, für Deinen Mut, die Freiheit zu riskier´n!“, heißt es in Song 3 auf der EP, die der „singende Historiker“ Kaußen mit Erich Schachtner produzierte. Manchmal poppig und rockig modern, manchmal eher theatralisch als „Zwischenmusik zwischen U und E“, eher im Stile von Bert Brecht und Kurt Weill. Erich Schachtner ist dabei das musikalische Mastermind. Komponist, Arrangeur, Gitarrist, Pianist und Produzent. Der 42jährige stammt aus Bayern, lebt aber schon lange in Berlin und ist in den verschiedensten Genres zu Hause, eben wie der sich selbst und viele andere nun überraschende Sänger „Doctor Retro“. Mit dem Profimusiker vom Berliner Konzerthaus Orchester und der Deutschen Oper verbindet den Ideengeber eine kurze, aber intensive Schaffensphase: „Wir haben uns erst im Herbst kennen gelernt, bei befreundeten Musikern in München. Damals habe ich spontan einen Songtext über die Trumpsche Mentalitäts-Krise in den USA geschrieben und Erich hat gefragt, ob er damit arbeiten könne.“ Gefragt getan, herausgekommen ist Song 4 der EP… Erich Schachtner hat klassische Gitarre studiert und viele Bandprojekte durchlaufen, unter anderem mit Richard Palmer-James. Und der ist im Gegensatz zu Kaußen nun wirklich kein Unbekannter in der Musikwelt, sondern Mitbegründer von Supertramp und weltweit etablierter Songwriter und Texter. Und nun kam im Januar der Zirkelschluss: Stephan Kaußen wollte unbedingt einen Song zum Thema „30 Jahre Freiheit für Nelson Mandela“ machen. Warum? Weil es am 11. Februar genau dieses neuerliche Jubiläum gibt. Palmer-James und Kaußen schrieben also gemeinsam den Text für Song 2, „Madiba Magic“. Madiba ist der Kosename für Nelson Mandela und beschreibt dessen wunderbare Fähigkeit, Brücken zwischen ehemaligen Feinden zu bauen. Wie in Südafrika zwischen weißen Rassisten und unterdrückten Schwarzen. „Das sind alles keine Zufälle, sondern Zusammenhänge“, betont Kaußen, der zum Ende der Apartheid und dem Thema Transformation promovierte. Und den revolutionären weißen südafrikanischen Ex-Präsidenten De Klerk in seinen Büchern den „Gorbatschow Südafrikas“ nennt. Transformation bedeutet Übergang. Übergang von etwas Altem zu etwas Neuem. Und genau wie in der ehemaligen DDR 1989/90 auch in Südafrika von einem autoritären System hin zu einem demokratischen. Ob es auch die umgekehrten Wege gibt? Dass solche Übergänge anfangs meist viel leichter erscheinen als es sich im Nachhinein herausstellt, beschreibt Kaußen – etwa auch für Russland. Und das ebenso analytisch wie vor allem aber emotional. Und nun eben nicht in einem weiteren Buch, sondern auf dieser Doppel-CD. Bei der besteht Teil 1 aus den vier Songs, Teil 2 aus einem packenden Vortrag zu den Entwicklungen von Mauerfall bis AfD. Bis AfD? Ja. Nochmals: Oha! Ein großes Aha wird wohl auch das Artwork hervorrufen, das von Ralf Metzenmacher stammt. Der ehemalige Chef-Designer von PUMA und Erfinder der Retro Art ist freischaffender Maler und arbeitet schon seit über 10 Jahren intensiv mit Kaußen zusammen. Gemeinsam gründeten sie das Retrokulturpaket. Metzenmacher: „Dafür gebe ich meinen selbstkreierten Titel „Dr. Retro“ gerne an meinen Komplizen weiter“. Und auch bei dieser Kooperation gab es schon einmal ein großes Jubiläum: Als der Südafrika-Spezialist seine Biographie zu 100 Jahre Nelson Mandela veröffentlichte, bat er Metzenmacher um künstlerische Mithilfe. „Es reichte mir einfach nicht, dem größten Gelebten Vorbild unserer Zeit ein Buch zu widmen. Deshalb habe ich Ralf gebeten, mir bis zu Mandelas Geburtstag Portraits zu malen.“ Nelson Mandela als nachdenklicher Vater der „Regenbogennation“, wie man Südafrika wegen der besonders bunten Gesellschaft und Mandelas verbindendem Humanismus auch nennt.

Aus diesen Gemälden entstanden dann auch Drucke, Poster und T-Shirts etc. „Weil wir gerade auch die jungen Leute erreichen müssen. Teure Gemälde in Öl sind natürlich super, aber nur für die Etablierten, die sie sich auch leisten können. Wir brauchen aber die Demokratisierung der Kunst!“ „Und Udo Lindenberg, der für mich wie ein Bruder oder auch Vater im Geiste ist, spricht nicht umsonst von der ´Diplomatie mit musikalischen Mitteln´“. Der nächste Schritt ist nun also diese Doppel-CD, deren Cover vier Werke von Ralf Metzenmacher zeigt: Natürlich den „Rainbow Mandela“, einen ebenso nachdenklichen Michael Gorbatschow sowie Martin Luther King, als den wichtigsten Repräsentanten des schwarzen Amerika, das Donald Trump gerade eben nicht würdigt. Als viertes Porträt prangt nun zu dessen wirklicher Überraschung ein nachdenklicher Kaußen selbst auf dem Cover. „Ich habe Stephan zu seinem 50. in Öl gemalt, ohne dass er es wusste. Weil er als Professor an den Hochschulen, als Brückenbauer zur Jugend, als Altruist und Kulturförderer, als Autor und wahrer Universalist seit Jahren so viel wie er nur kann unternimmt und finanziert, damit Geschichte greifbar wird und bleibt. Damit passt er selbst für mich auch in meine DenkMal-Serie großer Persönlichkeiten“, begründet Metzenmacher. „Zumindest in der Rückschau wird man nämlich sagen: Hätten wir seine Bücher und Vorträge doch viel früher viel ernster genommen! Und diese CD ist ein weiterer Versuch, am allgemeinen Bewusstsein zu arbeiten, dass Vergangenheit eben nicht nur Vergangenheit ist!“

Tatsächlich beginnt diese CD dann auch mit einem Weckruf: „Achtung, Achtung, es droht der Rückschritt“, schreit einen Stephan Kaußen durch ein Megaphon regelrecht an. Bevor Erich Schachtners Gitarre zu „30 Jahre Freiheit“ einsetzt. Bedrohlich. Nicht jubilierend. Eben kein Jubiläum feiernd. Eher Aufsehen erregend. Wachrüttelnd. Wie forderte es doch der große Udo Lindenberg: „Überrasch´ mich!“

https://youtu.be/bbqQ5Dl4EzY



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