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[27. März 2013] 24 Stunden Beirut - "Planet Shisha"

Ein Essay von Steph Habibi Kaußen Beirut, 27. März 2013

Es gibt diese Orte auf diesem Planeten, an denen Alles zusammen kommt. Menschen, Kulturen, Religionen, Spannungen und Entspannungen. Ein ganz besonderer dieser Orte ist Beirut im Libanon. So wie sich Berge und Meer Auge in Auge begegnen, so stehen sich Moslems und Christen, Juden und Drusen Zahn um Zahn gegenüber. Aber schlimmer noch: Sunniten, Schiiten, Armenier, Maroniten, die Liste ist lang und länger.

Und gleichzeitig ist die Liste lang und länger, die in meinem Kopf entsteht. 24 Stunden Beirut, auf dem Planeten Shisha: Da ist Abbas, der reden kann wie ein Maschinengewehr, der reden muss, er sucht Gehör. Da ist Max, der „Maitre de Cuisine“, mit dem ich ausgegangen bin. Da ist Hariri der große Mann, der leider nicht mehr reden kann. Da ist Mr. Robert, der reiche Puma-Mann, der privat mit seiner Yacht „Blue Fin Tuna“ fischen kann. Da ist die amerikanisierte Wucht-Brumme Vivienne, die sich ein neues Auto wünscht und doch den Spritpreis ihres Landes nicht nennen kann. Da ist Abbé Naaman, der viel von „Cristalisation“ erzählen kann und Samir Farah, der resigniert über seinen Weg berichten kann.

Es ist ein Konglomerat der Eindrücke und Ausdrücke, die sich einbrennen wie Pulverdampf der Geschosse aus 15 Jahren Bürgerkrieg. Aus syrischer Okkupation und israelischer „Bombasion“. Libanon droht ständig die Invasion. Genau so muss er sein, der Tanz auf dem Vulkan der Neuzeit. Ein Bombardement der Parolen und ein Trommelfeuer der Werbeindustrie. Ideologie. Ist es Ideologie? Ist es Religion? Auf jeden Fall Kristallisation. Hier kristallisiert, was globalisiert. Hier gibt es den Blick durch den Bogen der großen Moschee auf das nächtliche beleuchtete Kirchenkreuz. Im Frieden des Alltags.

Abbas weiß Alles, wirklich Alles. Nicht nur über den Libanon. Auch über Nigeria, wo seine Mutter lebt. Auch über Manchester United, wo Abbas eine Loge und Business Seats hat. Geboren ist Abbas in London, leben tut er im Libanon. Und vielleicht sterben. Wie der ehemalige Ministerpräsident Hariri, der das Land nach dem Bürgerkrieg wieder aufzubauen suchte. Zumindest im Herzen Beiruts ist ihm das gelungen - da, wo heute sein Mausoleum und die große neue Moschee steht. Und die Boutique von Abbas, die so klinisch modern weiß und doch so dunkel ist mit all ihren Totenköpfen als Symbol der Härte. Hier prallen Weltgewandtheit, Wissen und Härte aufeinander - in der Boutique von Abbas und auch im Mausoleum Hariris. Im Paris des Nahen Ostens, wie man Beirut einst nannte. Abbas ist einer von ihnen, diesen typischen Libanesen. Oder vielleicht ist er auch d e r Libanese schlechthin - den man treffen kann in 24 Stunden Beirut. Wo? Im Club „Internazionale“, der dem Münchner Gastronomen Andreas gehört, oder in seiner Boutique, die dem Kosmopoliten Abbas gehört.

Abbas ist Halbblut, wenn man so will, und doch Libanese durch und durch. Halb Christ, halb Schiit. Seinem Großvater gehört das Sheraton, und eine Fahrt ins Gebiet der Hisbollah ist für ihn kein Problem. Mit seinem Nummernschild an seinem Auto, mit seinen „Connections“, kein Problem. Auch nach Tripoli kann er fahren, in den Norden, der ebenso gefährlich ist wie der Süden der Hisbollah an der israelischen Grenze. Im Norden und Osten ist Syrien, im Westen das Mittelmeer. Zypern, Griechenland, Europa. Hariri ist tot, doch der Libanon lebt. Beirut lebt, weil es nicht sterben will. Nein, nicht sterben darf! Nicht sterben wird, weil es „Planet Shisha“ ist. Der Ort der Wasserpfeifen. Im „El Hamra“ rauche ich sie, und auch im Falamanki. Diesem typischen Restaurant in Rufweite des Muezzins der Hariri-Moschee. Dieser Falamanki bereiste einst die Welt und brachte Erinnerungsstücke mit. Sie hängen heute in dem Restaurant, das seine Tochter respektvoll nach ihm benannte. Sie hängen dort, wie so viele Erinnerungen in den Gedanken so vieler Libanesen an die Orte ihrer Lebenswirren in und aus aller Welt. So wie die Sorge vor dem Bürgerkrieg als das berühmte Damokles-Schwert immer da hängt über diesem Beirut - diesem „Planet Shisha“, diesem „Gateway to Heaven or Hell“.

Es könnte klappen mit dem „Gateway to Heaven“. Wenn man nur hören würde auf Abbé Naaman, der die „Holy Spirit University“ gründete und so viel von Kristallisation der Religionen, der Mächte und Ideologien erzählen kann. Oder auf diesen anderen Abbas, den ich im Café Lina‘s treffe, gleich um die Ecke vom Hotel Bristol, wo alle auf ihre iPhones starren und „Messages“ senden, im Wahn der kollektiven Individualisierung in der Welt der ideologischen Kreuzzüge. Dieser Abbas heißt El Halibi, was so ähnlich klingt wie Habibi. Habibi, das arabische Wort für Freund. Abbas El Halibi setzt sich ein für den Dialog zwischen Moslems und Christen. Das darf er als Druse, der nicht einer Religionsgemeinschaft angehört, die im Verdacht steht, doch wieder nur missionieren zu wollen. Druse wird man durch Geburt, nicht durch freiwillige Wahl der Konfession. Doch was ist schon freiwillig in diesem Beirut, diesem Libanon zwischen den Welten, zwischen Europa und Arabien? Okay, die Wahl der Freunde ist es, ebenso wie die Wahl des Restaurants am nächsten Abend. Ich gehe zu Maximilliano, dem Küchenchef aus Arezzo, Toskana, Italia, Europa. Sein Restaurant ist ein Ort der Ruhe und Kultur im hektischen Beirut. Und ein Ort des Friedens bei Pasta, Espresso und Sambucca.

Max und ich rauchen nach Feierabend eine Shisha, die Wasserpfeife, die so herrlich Ruhe verleiht. Nach 24 Stunden Beirut. Dem Planeten Shisha. Dem Ort der Spannung und Entspannung. Dem Gateway to Heaven or Hell.

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