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[17. Januar 2011] Endlich sagt es mal einer!

Text: Peter Huth, Quelle: BZ, 15.01.2011 "Hinterm Horizont": Alles wird Hut

Selten wurden Schmerz und Glück unserer Stadt packender und besser erzählt als in Lindenbergs Musical.

Zum Scheitern verurteilt schien das Projekt schon im Ansatz: Der Teilungs- und Schmerzmythos einer Nation, das bis ins Private Wüten des Apparats der Diktatur, im Gegensatz dazu als Erlösergestalt einer in engen Streifenhosen, mit Hut, Sonnenbrille, Nietengürtel, zumeist benebelt, wenn nicht besoffen.

Das Ganze als Musical, jener Bastard-Form der Kunst, die von Menschen, die nicht in Reisebussen zum Theater kommen, zumeist verachtet wird.

In den Wochen vor der Premiere von „Hinterm Horizont“ bangten selbst eingefleischte Lindenberg-Fans; die, die den Sänger nicht kumpelselig „Udo“ nennen, erwarteten im besten Fall drei Stunden Fremdschämen.

Ich war einer von ihnen. Jetzt schäme ich mich. Nie hat etwas meine niedrigen Erwartungen so überboten, ja haushoch übertroffen. „Hinterm Horizont“ ist perfekt. Es wird viele, viele, viele Jahre in Berlin laufen. Unsere Besucher aus aller Welt werden das, was zwischen 1961 und 1989 in Deutschland war, über dieses Stück begreifen. Es ist einer der wichtigsten künstlerischen Kommentare zur deutschen Einheit, gleichberechtigt mit „Das Leben der Anderen“ und „Sonnenallee“.

Natürlich ist „Hinterm Horizont“ ein Lindenberg-Stück, aber es ist die Summe der einzelnen Theater-Gewerke, die sich zu einem grandiosen Ganzen vereinen.

Zuerst ist da Thomas Brussig, der Autor. Er hat mit der Handlung und seinen Dialogen den gleißenden Spiegel aufgestellt, in dem Leiden und Leben in der DDR reflektiert werden. Die Bedrohlichkeit, das Gemeine, die Enge, das Graue, das Dümmliche sind der Grundtenor (wie überraschend! Aber: was auch sonst?). Wenn dann aber diese Negativa aufgelöst werden durch schmissige Tanzeinlagen, findet der Freiheitswillen und der Kämpfergeist der Bürger seine Entsprechung und das verachtete Musical nicht nur eine Form, sondern eine Funktion.

Die Rahmenhandlung ist vielschichtig, sie reicht vom Jetzt ins Damals, von der Zeitungsredaktion 2010 bis zum Mauerfall 1989.

Brussig umgeht (fast) sämtliche Kalauer, sein Humor ist umso besser, je beiläufiger er ist, und das ist er meistens. Doch Vorsicht, es gibt Schockmomente, die an die Nieren gehen: Wenn aus den Stasi-Knallchargen Profi-Erpresser werden. Wenn es in den Knast geht, nur in Unterwäsche, in eine fensterlose Zelle, ohne Anklage, ohne Grund. Diese Momente erden das Stück so tief in der grausamen Ex-Wirklichkeit, dass es keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Stückes mehr gibt.

Diese Szenen werden als Einblendungen gezeigt, schwarz-weiß: Wer gefangen wird, ist weit weg vom Publikum, abgeschnitten vom knall- (oder zumindest halb-) bunten Leben auf der Bühne.

Deren Raum nutzen Regisseur Ulrich Waller und Ausstatter Raimund Bauer schwindelfrei sicher und lösen ihn so auf: Er ist die kerkerenge Plattenbau-Wohnung und im nächsten Moment der Protz-Palast der Republik. Nah-Fern, Hoch-Tief, Groß-Klein, alles funktioniert – ein Meisterwerk die Szene, die das Lindenberg-Konzert von ’83 nachstellt. Da dreht sich mit der Bühne auch die Perspektive, das die tanzende FDJ belächelnde Saalpublikum wird so Teil der Masse. Und wenn später die Republikflucht per Ballon hoch über den Rängen beginnt, bleibt der Mund nicht nur offen stehen, weil die Köpfe ohnehin im Nacken liegen, dann bangt und zittert man real mit, weil diese Person nicht abstürzen darf, im Spiel nicht und in der Wirklichkeit nicht.

Denn man liebt die Personen, sie sind voller Kontur und Kraft, dargestellt von einem Ensemble, zu dem man sich keine B-Besetzung vorstellen kann. Das Mädchen, zuckersüß (unglaublich: Josephin Busch) und zartbitter (noch entflammbar: Anika Mauer), der Bruder (ein reiner Tor: Christian Sengewald), der Minister (schlau, böse, verzweifelt: Rainer Brandt) und Bühnen-Lindenberg Serkan Kaya der sein eigenes Ding macht. Filigran, fast zurückhaltend. Keine Parodie. Und der echte Lindenberg?

Fürchterlich peinlich, sich selbst so in den Vordergrund zu stellen, sich als Katalysator der Rebellion zu inszenieren, so als Deutschrocker mit Sonnenbrille, so als ewiger 1980er. Oder? Nein!

Nie war klarer, was Lindenberg für die Jugend im Osten war: Er war das Versprechen auf Freiheit. Er hat getan, wofür sich selbst die meisten westdeutschen Politiker zu fein waren. Er hat nicht nur nicht vergessen, er hat gemacht.

Seine Schwächen (und sie werden gnadenlos gezeigt), der Suff, die Beziehungsunfähigkeit, sein gesamtes Unperfekt spiegeln wiederum den Zustand der Jugend/Ost 1983, die ja erst noch reifte, bevor sie sich 1989 erhob.

Und Lindenberg marschierte in ihren Köpfen mit zu den Montagsdemos, an die Mauer. Nur war es nicht mehr der wilde Udo aus dem Radio, sondern die gereifte Essenz Lindenberg:

Es geht anders. Wir sind die Alternative. Man muss es nur wollen.

Und so ist es letztlich egal, ob er, der Mann da, zwei Reihen vor mir im Publikum, immer noch mit Hut, eine Kunstfigur ist oder ein echter Mensch.

Er ist larger than life, größer als das Leben. Ich aber werde ihn ab sofort Udo nennen.

http://bit.ly/hVwJkZ
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