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[11. August 2010] Jungs sind so!

Die Zeichen verdichten sich, dass meine beiden Zyklen zum Thema Weiblichkeit und Männlichkeit weiter an Bedeutung gewinnen. Anbei ein sehr interessanter Artikel. Aus meiner Sicht sind die gewählten Erklärungen aber nur halbherzig und entsprechen nicht den wahren Gründen für das Verhalten der Jungs. Meine Erkenntnisse der Unterschiedlichkeit am Beispiel von Wissen & Begreifen, der Gleichzeitigkeit und des Unperfekten spiegeln erst den wirklichen Grund und die damit verbundene Lösung wider. Es gibt noch viel zu tun und die Welt sollte anfangen meine Forschungsergebnisse ernst zu nehmen!

Nichts wie raus! Jungen sind die Verlierer des Bildungssystems. Das echte Leben ist die bessere Schule für sie. Von Martin Spiewak für 'Die Zeit' 8.8.2010 - 09:30 Uhr, Foto: Zeit Online

Die Geschichte mit dem Plumpsklo erzählen sie sich noch heute. Weil sie peinlich war, aber irgendwie auch gut. Eine Toilette sollte her, irgendwo mussten sie ihre Notdurft ja verrichten. Die Jungs hatten einen Bauplatz ausgesucht und einen Plan gezeichnet. Nach zwei Tagen Sägen und Hämmern standen sie stolz vor dem Häuschen – und stellten fest, dass niemand es benutzen konnte. Sie hatten die Tür falsch montiert, sie ließ sich nur nach innen öffnen. Und das auch nur einen Spalt breit.

In der Schule hätten die Zwölf- und Dreizehnjährigen vielleicht entnervt die Brocken hingeworfen. Die Frustrationsschwelle vieler Jungs an der Heinrich-von-Stephan-Schule ist nicht besonders hoch. Aber hier draußen am Schlänitzsee galt Aufgeben nicht, schließlich wurde die Toilette dringend gebraucht. Also schraubten die Jungs die Tür wieder ab und bauten sie richtig herum ein.

Wachsen durch Scheitern, Lernen durch Selbermachen – das sind die Prinzipien des »Landbauprojekts Schlänitzsee«. Auf dem verwilderten Gelände vor den Toren Potsdams müssen sich Jugendliche in handfesten Herausforderungen beweisen. Diese neue Pädagogik der Bewährung kommt vor allem den Jungen zugute, sagt Rektor Jens Großpietsch. An der Heinrich-von-Stephan-Schule, einer Brennpunktschule in Berlin-Moabit, sind die Jungen das schwache Geschlecht. Die Mädchen geben den Ton an – im Unterricht, im Morgenkreis oder in der Klassenversammlung. »Vor allem verbal sind sie überlegen«, sagt Großpietsch. Wenn Jungen auffallen, dann oft nicht durch gute Noten, sondern durch Desinteresse oder Stören. Vor zehn Jahren hat es der Schulleiter zum ersten Mal bemerkt: »Die Jungen rutschen ab. Wir müssen etwas tun.«

Die Jungen, einst in der Mehrheit unter Abiturienten und Studenten, geraten in der Schule ins Hintertreffen. Und das Phänomen beschränkt sich keineswegs auf einzelne Problemstadtteile oder soziale Schichten. Es ist auch keine Randerscheinung, das zeigen die Zahlen deutlich: Drei Viertel der Sonderschüler sind männlich und zwei Drittel der Schulabbrecher. Spätestens seit dem ersten Pisa-Test im Jahr 2000 gelten Jungen als Sorgenkinder, gar als Verlierer unseres Bildungssystems – quer durch alle Schulformen. Beim Lesen hinken sie rund ein halbes Jahr hinter den Mädchen her, unter den ganz schwachen Lesern sind sie doppelt so häufig vertreten. Statistisch gesehen, müssen sich Eltern auf Ärger einstellen, wenn es im Kreißsaal heißt: Es ist ein Junge. Egal, ob Schreibabys oder Zappelphilippe, Legastheniker oder Computerjunkies – Söhne beschäftigen die Beratungsstellen weit häufiger als Töchter.

Die Bildungsprobleme beginnen schon vor der Einschulung, Jungen werden häufiger wegen Unreife zurückgestellt als Mädchen. Und während die Leistungsunterschiede in den ersten Schuljahren noch relativ gering sind, geht die Schere später deutlich auseinander. Auf das Gymnasium und später durch die Abiturprüfungen schaffen es inzwischen weniger Jungen als Mädchen. »Irgendetwas passiert in der Sekundarstufe«, sagt Barbara Koch-Priewe, Pädagogikprofessorin an der Universität Bielefeld, »nur wissen wir nicht genau, was.« Der Zwist über die Ursachen des männlichen Leistungsabfalls und die Rezepte dagegen spaltet ihre Zunft.

Endgültige Antworten hat auch Schulleiter Großpietsch nicht. Aber eines ist ihm klar: Mit klassischem Unterricht – Wissensvermittlung im 45-Minuten-Takt – erreicht man die Schüler in der Pubertät kaum. »Die Jungen suchen in diesem Alter die Herausforderung. Sie wollen sich an echten Aufgaben beweisen und nicht vorgefertigte Fragen beantworten.« Bekämen sie diese Chance, seien sie zu erstaunlichen Leistungen fähig.

Das Gelände am Schlänitzsee, auf dem die Schüler aus Moabit zu Gast sind, bietet reichlich Gelegenheiten, sich unter Beweis zu stellen. Die staatliche Montessori-Oberschule in Potsdam hat vor drei Jahren das Grundstück mit der einstigen Ferienhaussiedlung für Stasimitarbeiter übernommen und zum Unterrichtsgegenstand gemacht, mithilfe der Stiftung Brandenburger Tor und der Bosch-Stiftung. Seitdem steht der Arbeitseinsatz am See fest im Lehrplan: Vier Tage im Monat bauen Siebt- und Achtklässler Ställe, legen Beete an und kochen, statt sich mit dem Satz des Pythagoras oder dem present progressive herumzuschlagen. Ein Landwirt und ein Kanubauer stehen ihnen mit professionellem Rat zur Seite.

Leon, Luke und Ole sind in dieser Woche dran. Die 13-Jährigen führen den Besucher über das noch immer großenteils verwilderte Gelände, vorbei an ausgeschlachteten Bungalows, gefällten Pappeln und Haufen gerodeten Gestrüpps. »Am Anfang gab es hier nichts«, erzählt Ole. Gekocht haben sie über einem Feuer, das Wasser mussten sie von einer sechs Kilometer entfernten Tankstelle herbeischaffen. Mittlerweile wurde ein Schuppen zur Küche umgebaut. Eine Handvoll Jugendlicher werkelt gerade an einem Lastwagenanhänger, sie wollen einen Bauwagen daraus machen.

Im Winter haben sie mit Äxten aus dem Eis des Sees Blöcke geschlagen und daraus Skulpturen geformt. Im vergangenen Sommer sind sie in selbst gebauten Kanus bis nach Hamburg gepaddelt. Kurz vor Geesthacht mussten sie die Tour abbrechen, wegen schlechten Wetters. Weit und breit gab es keinen Campingplatz oder auch nur einen Laden. »Mehr als eine Stunde musste ich laufen, um Brot für die Gruppe zu kaufen«, erzählt Leon. Er klingt wie ein amerikanischer Pionier, der als Erster den Grand Canyon durchquert hat.

Besonders Jungen wollten in der Pubertät ihre wachsenden Kräfte spüren, sagt Schulleiterin Ulrike Kegler. »Die kann man nicht die ganze Zeit in ein Klassenzimmer sperren.« Anstrengend ist schon der Weg zum See. Einige Schüler fahren die zwölf Kilometer von Potsdam mit dem Fahrrad, andere laufen vom nächsten Bahnhof eine halbe Stunde, egal, ob es regnet oder schneit. Trotzdem kommen nur wenige zu spät. Am Anfang, als das Projekt noch freiwillig war, haben sich die Lehrer gefragt, wie viele Schüler wohl mitmachen würden. Zur Überraschung der Pädagogen waren alle Jungen dabei. Und von den Mädchen meldeten sich nur zwei ab. Selbst dem Handyverbot auf dem Gelände stimmten die Jugendlichen zu.

Das Vorbild für das organisierte Ausbrechen aus dem Lernraster hatte Schulleiterin Kegler an einer Partnerschule in den USA entdeckt. Während der pubertäre Pulk zu Hause sich kaum bändigen ließ, waren die amerikanischen Jungs konzentriert bei der Sache. Kegler war fasziniert. Offenbar war die Farm School die Lösung: Im Wechsel mit dem traditionellen Unterricht arbeiteten die Schüler auf einer Art Schulbauernhof.

Den theoretischen Anstoß fürs Umdenken gab vor vier Jahren der Pädagoge Hartmut von Hentig. Moralisch hat er sich im Frühjahr durch seine verharmlosenden Äußerungen zu den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule diskreditiert. Einer der wichtigsten Ideengeber der Bildungsreform ist er aber nach wie vor. 2006 hat er in seinem Buch Bewährung – von der nützlichen Erfahrung , nützlich zu sein für eine »Entschulung« der Mittelstufe: Gerade während der Pubertät, wenn die Jugendlichen »sich selbst und anderen unverständlich werden«, könne die blutleere Lernschule ihnen wenig geben.

Den Pädagogen haben die Flegeljahre schon immer besonderen Kummer bereitet. Wenn die Hormone drängen, fühlen sich viele Jugendliche in der Schule eingesperrt. Sie sind zu alt, um sich der Lehrerautorität widerspruchslos zu beugen, aber zu jung für die Einsicht, dass man fürs Leben auf Vorrat lernen muss. »Besonders Jungen suchen Anerkennung über den Konflikt mit dem Lehrer«, sagt Jürgen Budde, Jungenforscher an der Universität Halle. Statt sich wie Mädchen »unterrichtskonform« zu verhalten, wie es im Pädagogendeutsch heißt, mimen sie vor Freunden den wilden Kerl. Eine gute Note gilt als uncool, Streber als Schimpfwort. Hinter dem männlichen Dominanzverhalten stecke oft die latente Angst, vor der Gruppe zu versagen, sagt Budde.

Für diese seltsame Zwischenphase propagierte von Hentig ein pädagogisches Gegenprogramm. An die Stelle von »Leistungszwang« solle eine »Selbstverpflichtung« treten, an die Stelle »kollektiver Belehrung das persönliche Erlebnis«: beim Einsatz im Altenheim oder auf dem Bauernhof, beim Drehen eines Films oder bei der Renovierung der Schule. Hentigs Traum, die Schüler ein ganzes Jahr lang aus dem Schulbetrieb ausbrechen zu lassen und ihre Kraft in den Dienst an der Gemeinschaft zu stellen, hat bislang niemand verwirklicht. Die Grundidee, das Erfahrungswissen der Schüler zu stärken, findet jedoch immer mehr Nachahmer, wenn auch in sehr unterschiedlichen Formen.

Mehrere Tausend Schülerfirmen bieten in Deutschland Catering-Services an, geben Nachhilfe, reparieren Fahrräder oder renovieren für die Schule Tische und Bänke. Betriebspraktika gehören heute zum Lehrplan jeder Schule. Gerade das Angebot vieler Hauptschulen geht mittlerweile weit über die Schnupperwoche im Betrieb hinaus. In Hamburg arbeiten alle Hauptschüler ein bis zwei Tage pro Woche in einem Betrieb, ein ganzes Schuljahr lang.

»Die Schüler werden verantwortungsbewusster, die Fehlzeiten gehen auch in der Schule zurück«, sagt Rainer Lehberger, Leiter des Hamburger Zentrums für Lehrerbildung. Eine Umfrage ergab, dass jeder Zweite nun motivierter zur Schule geht. Immerhin 38 Prozent der Schüler sagten, die Arbeit im Betrieb sporne sie an, »besser im Unterricht mitzuarbeiten«. Mancher erkennt zum ersten Mal, warum es sich lohnt, den Dreisatz und die Rechtschreibung zu beherrschen.

An der Hamburger Gesamtschule Winterhude beginnt das Schuljahr für die Klassen acht bis zehn mit einer großen »Herausforderung«. Drei Wochen lang überqueren die Schüler die Dolomiten, fahren mit dem Fahrrad nach Paris oder bauen einen Naturspielplatz. 300 Schüler sind jedes Jahr im Einsatz, sie organisieren den Erfahrungstrip größtenteils selbst und treiben das Geld dafür auf.

Die Berliner Heinrich-von-Stephan-Schule kann wegen der langen Anfahrt nach Potsdam nur eine Woche im Jahr am Schlänitzsee verbringen. Deshalb plant sie ihr eigenes großes Projekt: Rektor Großpietsch möchte seine Mittelstufenschüler das gesamte Schulgelände umgestalten lassen. Unter professioneller Anleitung können die Schüler ihre Welt umkrempeln.

Die Schulreformer in Potsdam, Berlin und Hamburg scheinen einen Nerv getroffen zu haben. »Wenn ich von unserem Projekt am Schlänitzsee erzähle, sagen viele: Genau das ist es«, berichtet die Potsdamer Schulleiterin Ulrike Kegler. Schon lange ist ihre Schule, die ohne Tafeln und Noten auskommt, eine Wallfahrtsstätte der Reformpädagogik. Nun ist das Interesse noch einmal gestiegen. Hunderte von Lehrern, Rektoren und Kultusbeamten besuchten die Schule im vergangenen Jahr. Eine Frage trieb sie alle um: Wo bleibt der Unterrichtsstoff, den der Lehrplan vorsieht? Schließlich verbringen die Jugendlichen rund ein Viertel weniger Zeit im Klassenraum.

Eine Antwort gibt an diesem Tag Landwirt Matthias Peeters. Er steht mit den Jungen in einer Grube neben einem Hochbeet. Klar zeichnen sich die verschiedenen Bodenschichten ab. Die Jugendlichen nehmen Proben, untersuchen Farbe, Konsistenz und Feuchtigkeit der Scholle und tragen die Ergebnisse der praktischen Erdkunde in ihr Logbuch ein. Später werden sie die Erde chemisch analysieren. Jeder Schüler muss eine dicke Kladde führen, um das Arbeitspensum zu dokumentieren.

Solche Lerngelegenheiten gibt es viele am Schlänitzsee: Ohne exakte Flächenberechnung lässt sich kein Schuppen bauen, Kochrezepte gibt es auf Englisch und Französisch, die Geschichte der DDR begegnet den Jugendlichen auf Schritt und Tritt. In den verfallenden Stasibungalows liegen noch Zeitungen aus der Wendezeit. Viele Schüler begännen nach kurzer Zeit, selbst zu fragen, sagt Schulleiter Großpietsch. Nur wissen die Lehrer nicht immer die Antworten. Wer kann schon aus dem Stand sagen, weshalb Silberpappeln silberne Blätter haben oder warum man Nudeln ins kochende Wasser gibt, Kartoffeln aber zusammen mit dem Wasser erhitzt?

»Das Leben draußen mit den Fachinhalten zu verbinden ist die größte Herausforderung«, sagt auch Ulrike Kegler. Lösungen dafür könnte die Lehrerakademie erarbeiten, welche die Schulleiterin am Schlänitzsee errichten möchte. Gleichzeitig träumt sie davon, das Lernen in der freien Wildbahn zu verlängern. Ganze zwei Jahre möchte sie die Siebt- und Achtklässler an den See schicken, dort einen zweiten Standort für ihre Schule bauen. Ihr Kollegium muss Kegler von ihrem Plan noch überzeugen, nicht alle Lehrer sind davon begeistert, ihren Arbeitsplatz auf das Matschgelände zu verlegen. Manchem Pädagogen hilft vielleicht der Enthusiasmus der Jugendlichen, den Übergang zu meistern. Einer modebewussten Lehrerin bastelten die Jungs ein Regal aus Holz – für ihre Stöckelschuhe.

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