Ralf Metzenmacher
Die Kunst
Collections
Aktuelles
Showrooms
Presse
Shop
Kontakt
Sie befinden sich hier >> Startseite >> Aktuelles
Aktuelle Meldungen

[22. Februar 2010] Frau muss man sein!

Frau muss man sein!

Von Jens Lubbadeh, Düsseldorf bei SPIEGEL Online, Illustration: Corbis

http://bit.ly/bRb5Aa

Bildung, Gesundheit, Lebensplanung - Frauen haben Männer in fast allen Bereichen abgehängt. Mädchen werden besser gefördert, viele Jungs reagieren mit Frust, Verweigerung und Gewalt. Forscher warnen vor den Folgen, und auch Frauen sind alarmiert: Ihnen gehen die passenden Partner aus.

"Neue Männer braucht das Land", sang Ina Deter im Jahr 1982. Damals begann eine Suche, die an der Universität Düsseldorf einen Höhepunkt erreicht: "Neue Männer - muss das sein? Über den männlichen Umgang mit Gefühlen" hieß der Kongress, der sich mit dem Verhältnis der Geschlechter befasste. Dabei wurde anhand von Statistiken deutlich: Jungen und Männer geraten im Geschlechtervergleich immer mehr ins Hintertreffen.

Ob Bildung, Gesundheit, Lebenserwartung - Frauen haben die Männer abgehängt:

Mädchen sind besser in der Schule, mittlerweile auch in den "klassischen" Jungs-Fächern wie Mathematik. Mädchen machen häufiger Abitur und studieren, Jungs schmeißen häufiger die Schule. Frauen rauchen weniger als Männer, nehmen nicht so häufig Drogen, leiden nicht so sehr unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und sie leben länger. Frauen sind seltener kriminell. Dies ist das Ergebnis mehrerer Kinder und Jugendstudien, unter anderem der KiGGS-Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, der Shell-Jugendstudie 2006 und der World Vision Kinderstudie 2007.

Kurzum: Frauen sind die Gewinner, in allen Disziplinen. Das Problem ist: Es ist ein Sieg, der, so vermuten Sozialwissenschaftler, auf Kosten der Männer geht.

"Mit der Frauenförderung, die in den sechziger, siebziger Jahren begann, waren wir sehr erfolgreich", resümiert deshalb Klaus Hurrelmann, Sozial- und Bildungswissenschaftler an der Universität Bielefeld. "Doch vielleicht ist das ein Grund für das jetzige Männerproblem: Wir haben darüber die Männer vergessen." So würden Frauen stets ermuntert, ihre Rolle zu erweitern. Sie hätten sich ein "neues K" erobert: K für Karriere. Neben den traditionell weiblichen Ks - Kinder, Küche und Kirche.

Frauen sind die besseren Strategen

Aber dabei blieb es nicht: Frauen haben nicht nur nach und nach Männerbastionen erobert - sie haben laut Forschern auch die erfolgreicheren Strategien für das Leben allgemein. "In Kinder- und Jugendstudien zeigen bereits sechs- bis zwölfjährige Mädchen eine sehr hohe Motivation", sagt Hurrelmann. "Sie wollen Karriere und Familie - sie wollen alles."

Dabei sind sie aufs Ganze gesehen flexibler als Jungen. Beispiel elektronische Medien: Während Mädchen zwar auch viel Zeit mit Internet und Fernsehen verbringen, gehen sie dennoch umsichtiger mit den neuen Medien um. Sie kombinieren sie mit klassischen Freizeitbetätigungen.

Anders viele junge Männer, die sich in Internet und Computerspiele förmlich flüchten: "Männer haben eine enorme Schlagseite hinsichtlich der elektronischen Medien", sagt Hurrelmann, "sie lassen sich viel mehr von Internet und Computerspielen absorbieren als die Mädchen." Dies hatte unter anderem die größte deutsche Jugendstudie zur Nutzung von Computerspielen ergeben, die das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen vor kurzem durchgeführt hatte.

Frauen seien flexibler, anpassungsfähiger, durchschauten Spielregeln schneller und könnten Herausforderungen so besser meistern - in der Schule wie im Leben. Männer hingegen reagierten öfter mit Frust, Verweigerung, Rückzug oder nach außen gekehrter Aggression. Das zeige sich auch in Gewalttaten wie jüngst in Ludwigshafen. Auch Amokläufe seien ein reines Männerphänomen, sagt Hurrelmann.

Männer flüchten in Computerspiele und zu den Eltern

Neben Unterschieden in Bildung und Freizeitgestaltung zeigen sich auch starke Diskrepanzen im Rollenverständnis: Viele Männer hängen noch immer stark einem traditionellen Bild an, Karriere steht bei ihnen im Vordergrund. Familie wollen sie zwar auch, doch sehen sie Karriere noch immer überwiegend als Domäne der Männer.

Die Folge: "Den Frauen gehen die passenden Männer aus", so Hurrelmann. "Das dürfte einer der viel zu wenig beachteten Gründe sein, warum wir in Deutschland so wenige Familiengründungen haben."

Die Schwierigkeiten beginnen in der Schule. Hurrelmann sieht daher im Zurückfallen der Jungen im Bildungsbereich nur ein Symptom für eine allgemeine Unsicherheit in der Gestaltung ihrer Rolle. "Die Pubertät beginnt immer früher, für Mädchen heutzutage im Schnitt mit elfeinhalb Jahren, bei Jungen mit zwölfeinhalb." Es ist der Start ins Ungewisse, in einen Lebensabschnitt voller Unwägbarkeiten. Und der setzt sich - in Zeiten von Hartz IV und dem Schwinden von Familienstrukturen - mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter fort. "Frauen kommen mit dieser strukturellen Ungewissheit der Lebensplanung besser zurecht", sagt Hurrelmann.

Wie gehen Jungs damit um? Überfordert mit den Herausforderungen des Lebens und ihrer Rolle bunkern sich viele von ihnen bei ihren Eltern ein. "Sie flüchten sich in ihre Herkunftsfamilie, in den sicheren Raum zwischen Kühlschrank und Waschmaschine, zurück in das symbiotische Verhältnis zu den Eltern", meint Hurrelmann. Das sei ein Grund, warum es heutzutage so wenige Konflikte zwischen den Generationen gebe. Dieser Rückzug fördere aber nicht gerade die Gründung eigener Familien und auch nicht den Reifeprozess der Männer.

Männer als Weicheier verspottet

"Wir brauchen eine Männerförderung nach gleicher Strategie wie die Frauenförderung der letzten Jahrzehnte", sagt Hurrelmann. Männer müssten ihre Rolle erweitern - genau wie es die Frauen in den letzten Jahrzehnten getan haben.

Doch dabei gibt es ein Problem: Während die Rollenerweiterung bei der Frau - die Eroberung der eigenen Karriere - hervorragend geklappt hat, wurden Männer, die sich umgekehrt in Frauendomänen begaben, oft als Weicheier verspottet. Walter Hollstein, Geschlechterforscher von der Universität Bremen und Autor des Buches "Was vom Manne übrigblieb", sieht vor allem das Problem, dass ehemals als typisch männlich geltende Tugenden gesellschaftlich mittlerweile als Stigma gelten - seiner Ansicht nach eine Folge der ursprünglich von feministischen Bewegungen verbreiteten Bilder, die mittlerweile Eingang gefunden hätten in die populäre Kultur. Die Welt sei weiblicher geworden, meint Hollstein. Das Weibliche gelte mittlerweile als die Norm, das Männliche als pathologisch. "Von den Männern werden zunehmend typisch weibliche Eigenschaften verlangt, sie sollen mehr kommunizieren, mehr Gefühle zeigen." Frauen schrieben mittlerweile die Drehbücher und verteilten die Rollen.

So auch in den Kindergärten und Schulen, die sich laut Hurrelmann die Frauen in den letzten Jahrzehnten ebenfalls nach und nach erobert hätten. Die Folge: "Jungen werden in der Schule nicht genügend angesprochen." Das weibliche Lehrpersonal, bestätigt Hollstein, setze im Klassenzimmer eher auf eine mütterliche und harmonische Atmosphäre - die aber widerspreche den Grundbedürfnissen der Jungen. Und auch Matthias Franz, Psychologe von der Universität Düsseldorf, meint: "Es fehlt an männlicher Präsenz und damit von dringend notwendigen Identifikationsfiguren in Kitas und Grundschulen."

Würden Tom Sawyer und Huckleberry Finn heutzutage Ritalin bekommen?

Es ist ein Zustand, der nach Ansicht Hollsteins von den Männern auch selbst mit verschuldet ist: "Wenn ein ehemaliger männlicher Bundeskanzler Familien- und Bildungspolitik als 'Gedöns' abtut, müssen wir uns nicht wundern." Zudem hätten Männer kaum Advokaten für ihre eigene Sache, sagt Hollstein. Und die wenigen liefen Gefahr, sofort als Chauvinisten diffamiert zu werden. Zudem gebe es kaum Jungen- und Männerforschung. Gerhard Amendt, Soziologe an an der Universität Bremen, der Scheidungsväter erforscht, sagt: "Wir wissen nur sehr wenig über Männer." Auch verweigere die Bundesregierung den Männern einen Gesundheitsbericht, so wie es ihn seit Jahren für Frauen gibt, meint Hollstein.

Hurrelmann, Hollstein, Franz - sie fordern mehr h männliche Erzieher und Lehrer. Notfalls, so Hurrelmann, auch über eine Quotenregelung. Aber auch über bessere Bezahlung und Werbekampagnen solle der Lehrerberuf für Männer wieder attraktiver werden.

Im Unterricht helfe es nicht, Klischees aus politischer Korrektheit umgehen zu wollen, so Hurrelman. Nach wie vor gelte, dass 50 Prozent der Eigenschaften genetisch bestimmt seien und 50 Prozent durch die Umwelt. "Jungen sind einfach anders als Mädchen - und das müssen wir akzeptieren." Stattdessen bekämen sie viel zu oft negative Signale, dass es nicht in Ordnung ist, wie sie sind. Hollstein zitiert provozierend den amerikanischen Psychologen und Kinderarzt Lawrence Diller: "Wenn Tom Sawyer und Huckleberry Finn heute einen Kinderarzt aufsuchen würden - man würde bei ihnen ADHS diagnostizieren und sie mit Ritalin behandeln."

Auf die Eigenheiten von Jungs müsse Rücksicht genommen werden, fordert Hurrelmann daher: "Jungen müssen in der Schule ihre Körperlichkeit und Aggression einbringen können." Und sie brauchen klare Regeln im Unterricht, "denn sie erfassen sie nicht so schnell wie die Mädchen". Außerdem benötigen sie Hilfe für ihre eigene Selbstorganisation: "Ihre Frustrationstoleranz muss trainiert werden, damit sie angesichts von Misserfolgen nicht so schnell aufgeben."

Jungs müssen ihre Aggression einbringen können

Basierend auf diesen Strukturänderung im Unterricht müsse man dann Jungen und Männer ermuntern, ihre Rolle zu erweitern, sich Fähigkeiten jenseits des klassischen Männerbildes anzueignen: Sprache, Kommunikation, Empathie, offenen Umgang mit Gefühlen. "Beide Geschlechter müssen die Möglichkeit haben, mit ihrer Geschlechtslagerung zu spielen und sich andere Gebiete jenseits ihrer archetypischen Lagerung zu erobern", so Hurrelmann. Auch Hollstein fordert: "Wir Männer müssen mehr Empathie entwickeln, um uns selbst mehr zu verstehen." Nur so könnten Männer die heutigen Probleme von Männern durchschauen und Besserungen anstreben.

Doch vor einem warnt Hurrelmann ausdrücklich: das untergründige Spannungsverhältnis der Geschlechter kaputt zu machen und zu zerreden. "Frauen", sagt Hurrelmann, "brauchen einen Partner, der verlässlich ist." Der ist aber eben auch anders als sie selbst. Hier ist ein ähnlicher Artikel aus der Bild Zeitung:

http://bit.ly/9VF40D



...zurück


Ralf Metzenmacher | Am Leinritt 9a 96049 Bamberg | Tel: +49 (0) 951 95 70 174 | eMail: info@ralf-metzenmacher.com | Impressum