Bilder und Text aus dem Magazin PHOTOGRAPHIE
„Lampenfieber zerstört manchen Künstler, andere treibt es an. Thorsten Wingenfelder darf sich glücklich schätzen, zum zweiten Typ zu zählen.
Der Ex-Gitarrist der Rockband „Fury in the Slaughterhouse“ beschreibt sein Lampenfieber als eine „wachsame konzentrierte Spannung“ vor dem großen Auftritt. Nach seinem Neustart als Fotograf begleitet ihn dieses psychologische Moment weiter: „Ich brauche eine leicht erhöhte Betriebstemperatur, wenn ich die Models und mich selbst am Kochen halten soll, ohne dass das Shooting seine Spannung verliert. Habe einfach keine Angst. Vor allem nicht vor Neuem oder Ungewohnten.“ Diese zwei Sätze ziehen sich als roter Faden durch Wingenfelders Biografie.
Warum startet man sonst Ende der Achtziger eine Rockband, als gerade die Songs der Neuen Deutschen Welle mit gigantischem Erfolg durchs Land geschwappt sind? Anders lässt sich auch nicht erklären, wie er nach vielen Jahren als erfolgreicher Rockstar den Mut aufbrachte, sich beruflich neu zu erfinden: „TW, der außer Musik nix gelernt hat, wird mit 40 Jahren mal eben Profifotograf. Manche Dinge klingen vollkommen wahnsinnig, fühlen sich aber richtig an. Ich vertraute auf mein Bauchgefühl. Mein Weg war von da an klar.“ Die richtigen Einstellung war zumindest schon mal vorhanden, aber sonst?
Wingenfelder hatte in jungen Jahren mit einer analogen Rollei rumgeknipst und erste Fotolaborluft geschnuppert. Dann folgten zwei Dekaden als ambitionierter Urlaubsfotograf. Klingt nicht gerade nach idealen Voraussetzungen,aber der Fury-Gitarrist kann als Spätzünder überraschen. Sein Geheimrezept:
Lernen, lernen, lernen. Und wenn er mal selbst nicht mehr weiterweiß, gibt es ja noch den „Sascha“. Bei dem Profifotografen Sascha Hüttenhain hat er anfangs einen Workshop belegt, es entstand über die Jahre eine Freundschaft und ganz nebenbei ist sich Hüttenhain „nicht zu fein, immer wieder Frage um Frage zu beantworten.“
Wingenfelder fotografiert heute mit einer Canon EOS-1Ds Mark III und einer Canon EOS 5D. Dazu L-Objektive wie das 16–35 mm, 50 mm, 24–105 mm oder 100–400 mm. Bildbearbeitung läuft bei ihm ganz klassisch über Photoshop – allerdings will sich Wingenfelder auch nicht in dem Labyrinth von abertausenden visuellen Varianten und Optiken verlieren. Bildbearbeitung dauert deswegen bei ihm häufig keine drei Minuten. Technik als Mittel zum Zweck – als Porträtfotograf zählt für ihn ohnehin mehr das Interesse an dem Menschen vor seiner Kamera.
Wenn Wingenfelder sein neues Leben als Fotograf mit der Vergangenheit als Rockstar vergleicht, entdeckt er Parallelen: „Das Fotografieren hat viel mit dem Live-Spielen als Musiker gemeinsam und das Bearbeiten sehr viel mit dem Studioprozess einer Plattenaufnahme. Ein Unterschied ist sicherlich der veränderte Fokus von Tausenden Menschen hin zu oftmals nur einer Person.“ Einen schönen Nebeneffekt hat seine zweite Karriere als Fotograf auch: „Als Hobby-Musiker höre ich jetzt wieder viel mehr und viel lieber Musik.“_ Sea
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